Die Veranstaltung fand vor etwa 120 geladenen Gästen aus Politik, Wissenschaft, Kirche und Zivilgesellschaft statt – traditionell in der Oberlinkirche.
Als einer der profiliertesten deutschen Diplomaten prägte Ischinger über Jahrzehnte die internationale Politik: Er war Staatssekretär im Auswärtigen Amt, deutscher Botschafter in Washington und London und leitete seit 2008 die Münchner Sicherheitskonferenz, deren Ausrichtung und weltweite Bedeutung er maßgeblich mitgestaltete. Bis heute berät er Regierungen und Organisationen weltweit, bringt sich in Gremien ein und war in internationalen Krisen – unter anderem im Kosovo- und im Ukraine-Konflikt – als Vermittler für EU und OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) tätig.
Unter dem Titel „Wege in der Gefahr: Konflikte und Frieden im 21. Jahrhundert“ beleuchtete Ischinger in seiner Rede mögliche Auswege aus Eskalationsspiralen sowie Perspektiven für nachhaltige Stabilität und Kooperation. Hoffnung, Freiheit und eine optimistische Grundeinstellung waren die Leitmotive des 79-Jährigen. Die Oberlinrede 2025 fand vor dem Hintergrund einer angespannten weltpolitischen Lage statt: Machtverschiebungen, anhaltende Konflikte, hybride Bedrohungen und die Frage nach einer handlungsfähigen europäischen Außen- und Sicherheitspolitik bestimmen die internationale Agenda. Ischinger gilt in diesem Umfeld als wichtige Stimme für eine starke, verantwortungsbewusste Rolle Europas, die Kooperation fördert, Resilienz stärkt und demokratische Werte konsequent vertritt.
Im anschließenden Gespräch mit Dr. Matthias Fichtmüller ging es um Gewissheiten und Ungewissheiten in einer von Umbrüchen geprägten Welt – und um die Hoffnung in scheinbar hoffnungslosen Zeiten. Persönliche Erfahrungen aus fünf Jahrzehnten Diplomatie verliehen dem Austausch besondere Tiefe. So berichtete Ischinger von einer der prägendsten persönlichen und politischen Erfahrungen seines Lebens: den Ereignissen des Jahres 1989. Als Mitarbeiter im Stab des damaligen Außenministers Hans-Dietrich Genscher war er für die Betreuung der DDR-Flüchtlinge in der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Prag zuständig. „Zwei Nächte habe ich in einer völlig überfüllten Botschaft mit rund 6.000 Menschen verbracht – ich selbst schlief unter dem Tisch des Botschafters“, erinnerte er sich. Später begleitete Ischinger einen Zug mit etwa 1.000 Geflüchteten durch die DDR bis zur Grenze bei Hof in Bayern. „Als wir die Grenze passierten, riefen alle ‚Freiheit! Freiheit! Freiheit‘ – und ich stellte fest: Am lautesten rief ich selbst“, so habe ihn die Szene mitgerissen.
Der Abend wurde musikalisch begleitet von der Bratschistin Jennifer Anschel. Die US-Amerikanerin ist Stimmführerin der Bratschengruppe der Kammerakademie Potsdam. Zum Schluss überreichte Georg Friedrich Prinz von Preußen im Namen des Beirats der Oberlinstiftung den traditionellen, handgefertigten Besen. Mit einem Augenzwinkern erinnerte er an eine Passage aus der vorangegangenen Rede: „Sie haben sinngemäß gesagt, dass das Gespräch mit dem Gegenüber manchmal wenig fruchtet, aber dennoch unverzichtbar ist. Ähnlich verhält es sich mit dem Kehren – und genau deshalb passt dieser Besen als kleines Geschenk besonders gut.“
Im Anschluss an die Rede kamen die Gäste in der Oberlinschule zusammen, um den Abend in angenehmer Atmosphäre ausklingen zu lassen. Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Stadtgesellschaft – darunter auch Potsdams neue Oberbürgermeisterin Noosha Aubel, Manja Schüle, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg sowie Generalsuperintendent Kristóf Bálint – nutzten die Gelegenheit zum Austausch. Kulinarisch begleitet wurde der Empfang durch eine Auswahl an Speisen, die von unseren Auszubildenden des Berufsbildungswerks mit großer Sorgfalt vorbereitet und serviert wurden.
Seit 2012 treten im Rahmen der Oberlinrede namhafte Persönlichkeiten aus Gesellschaft, Kultur, Politik und Wirtschaft auf, um zu aktuellen Themen Stellung zu nehmen. Zu den bisherigen Gästen zählen Angela Merkel, Matthias Platzeck, Gesine Schwan, der Polarforscher Prof. Markus Rex, Daniel Hope sowie Volker Schlöndorff, der gemeinsam mit Wim Wenders gesprochen hat.













